Jonas und Richy waren so nett und haben uns ihr Bild- und Textmaterial von ihrem Marokkotrip zur Verfügung gestellt.
Sehr, sehr nice. Bilder sowie auch der Bericht.
Enjoy it.
Makkuz
Erste Erstbegehungen
Anfang 2009 hatten wir erstbegehungstechnisch noch große Pläne…Richard und ich wollten in die Taghia - Schlucht / Marokko reisen und dort lange Routen erstbegehen. Diese Schlucht ist noch recht unbekannt, es gibt dort hauptsächlich lange Mehrseilängenrouten ab 6b.
Dass wir, was Erstbegehungen angeht, noch unerfahren waren, hatte unsere selbstbewusste Reiseplanungen nicht beeinflusst. Wir dachten, mit unseren reichlich gesammelten alpinen Erfahrungen könnten wir dieses Defizit wettmachen. Um in Hinblick auf Routen bzw. Linien auschecken, Bohrhaken setzen etc. dennoch ein wenig Routine zu bekommen fuhren wir im Frühjahr nach Warstein.
Nach telefonischen Tipps und Tricks von Heinz-Willi starteten wir unsere ersten Erstbegehungsversuche...und es waren wirklich nur Versuche.
Richy´s super Fingerriss-Linie entwickelte sich beim näheren auschecken zu einer „Jenga“- ähnlichen Klötzchenansammlung. Nach 10 Min. hatte Richard schon ca. 300kg Fels aus der guten, immer noch nicht kletterbaren Linie entfernt.
Meine (Jonas) Linie hingegen war von der Felsqualität her wirklich spitze und ich war richtig begeistert, als ich abseilend ein Fixseil in die Linie hängte. Die Ernüchterung erfolgte sofort im Einstieg, als ich feststellte, dass dieser mich völlig überforderte und ich meine dicke Kiste freikletternd einfach nicht über den ersten glatten Aufschwung gewuchtet bekam.
Nachdem weitere unkletterbare Stellen folgten, ich mir mein Ringband angeknackste und die Route wahrscheinlich 11+ war, packten wir unsere Sachen und verließen den Steinbruch mit der Erkenntnis, dass das mit den Neutouren eben doch nicht so ganz nebenbei gemacht ist.
Unsere Reise- und Kletterziele für den Herbst wurden bis auf Weiteres nicht mehr groß angesprochen…man wollte ja auch nicht die für den Sommer geplanten alpinen Ziele vernachlässigen (war unsere innere Ausrede)!!!
Dann, ich glaube es war kurz nach dem Abstieg der großen Zinne, die wir via Comici durch die Nordwand bestiegen hatten, sagte Richard etwas, was wir beide schon lange dachten: “ Jonas, lass uns doch in Marokko einfach nur Urlaub machen und ´nen bisschen Sportklettern gehen!?!“
Nach einer einstimmigen Entscheidung änderten wir nicht nur unsere sportlichen Ziele, sondern auch unser Reiseziel. Von den anspruchsvollen hohen Wänden des Taghia-Tals Abstand genommen, haben wir uns für die sportklettertechnisch besser „ausgegerüstete“ Todra-Schlucht entschieden.
Ein paar Tage vor Abflug packte uns dann doch noch der Ehrgeiz, und wir dachten, wenn wir 2 Wochen Sportklettern gehen, könnte man es mit dem Routen einbohren doch noch mal versuchen. Guten jungfräulichen Fels findet man auf jeden Fall in Marokko eher als in der Fränkischen oder im Ith.
„Ass klar“…also schnell bei Hilti noch 2 neue scharfe 10er Bohrer geholt, im Netz 50 Bohrlaschen bestellt, den Akkubohrhammer aus dem Firmenbestand ausgeborgt und mit 55kg Gepäck in den Flieger nach Marrakesch. (An dieser Stelle sei dem edlen Sponsor der Bohrhaken noch mal ein Dank ausgesprochen.)
Nach langem Flug, einer Nacht in Marrakesch und 8 Std. Busfahrt, bauen wir unser Basecamp-Zelt fürs Material und Isomatten unterem Himmel, auf dem Dach des „Hotel Etoile des Gorges“ am Eingang der Schlucht auf.
Von unserer Dachterrasse haben wir einen super phantastischen Blick auf die ersten Routen, die 50m Luftlinie vor unserem Zelt gut 200m empor ragen, ….so ein Blick beim Aufwachen motiviert schon enorm!!!
Die nächsten Tage erkundeten wir die Schlucht, kletterten in den vorderen und hinteren Sektoren, wobei der vordere, durch nicht-kletternden Pauschal-Touristen, sehr belebt ist, kletterten die langen Klassiker am Pilier du Couchant und erkundeten vor allem im hinteren Teil der Schlucht Felsneuland.
Und hier liegt auch schon die 1. Crux: wenn man schon die Zeit, die Arbeit und das Geld für Material investiert, dann möchte man natürlich Routen eröffnen, die von Anderen geklettert werden und Spaß machen. Die ersten Wände die wir auscheckten sind schwer zu erreichen, die Einstiege super verblockt oder die Linien nicht unhomogen. Jungfräuliche Felsen mit tollen Linien und super Fels zudem schnell zu Fuß erreichbar gibt es doch nicht mehr so reichlich. Immerhin wird in der Schlucht schon seit über 30 Jahren geklettert und es gibt weit über 400 Routen in allen Längen und Schwierigkeitsgraden.
Die Hoffnung auf eine „Top Wand“ schwand dahin. Bis zu unserer Entdeckung: eine Wand, kurz vor dem Sektor „Petit Gorge“ am Ende der Schlucht. Als wir am nächsten Morgen den Wandfuß erreichten, konnten wir es kaum glauben: eine 80m hohe Wand, bester Fels, tolle Linien, 10 Min. von der Straße entfernt und unglaubliche 0 Haken in der Wand. „Alles klar, hier geht was!!!“
Wir guckten uns die 5 scheinbar lohnensten Linien aus und waren hoch motiviert, hier in den nächsten Tagen unsere 54 Bohrhaken unterzubringen.
Richtig starten konnten wir dann doch erst verzögert, da Montezumas Rache Richard kurz, aber heftig außer Gefecht setzte. Nach einer ganzen Batterie Imodium und Elektrolyt-Drinks ging es endlich los, und wir standen morgens mit unserem ganzen Stuff schweißgebadet am Wandfuß. Einen Namen für den Sektor hatten wir auch schon. „Patchwork-Family“ sollte er heißen. Da wir beide diese Familienform leben, gab es bei der Namensgebung auch keinerlei interne Diskussion.
Aber erstmal müssen Routen eröffnet werden, damit es überhaupt ein Sektor gibt. Insgesamt wollten wir 5 Routen erschließen. Die erste Route sollte von unten mit Normal-Haken und mobilen Sicherungsgeräten erstbegangen werden. Vom Stand dieser Route war es dann geplant, zu den anderen Routen zu queren und die Routen von oben einzubohren.
Die ausgesuchte Linie, reich an steilen Rissen und Schuppen, entwickelte sich als schwer abzusichern und nicht immer so kompakt wie es von unten zu vermuten war.
Es folgte die Einsicht „Das ist zu gefährlich!“ – wir brachen unseren Erstbegehungsversuch von unten ab. Erinnerungen an Warstein stiegen wieder in die Köpfe!!!
Egal, die anderen Routen sahen immer noch super aus. Der neue Plan: hintenrum über ein 3er Gelände auf die Wand steigen, dann die 80m Wand abseilen und in 30m Höhe die ersten Stände bohren. Das hört sich leichter an als es ist, denn das Problem ist, sich von oben (80m) abzuseilen und den Stand in der Wand zu finden, den man sich vom Wandfuß aus möglichst genau gemerkt hatte.
Nach dem einen oder anderen Seilmanövern (Pendelquergang, Abseilen, Gejümar) und der weiteren Erkenntnis, dass eine große Wand von oben doch ganz anders aussieht als von unten, hatte ich die ersten 2 Bohrhaken gesetzt. Der erste Stand war fertig. Von diesem Umlenker konnten wir unsere ersten 2 Routen auschecken. Die Routen wurden jeweils 2 Mal von uns geklettert, um die optimale Linie zu finden, anschließend markierten wir die Stellen, an denen Bohrhaken gesetzt werden sollten. Wir seilten uns parallel über die Routen ab. Einer bohrte die Löcher und säuberte sie, der andere schlug die Anker ein und fixierte die Bohrlaschen mit dem Ringschlüssel. Nach 9 Std. harter Arbeit waren dann die Akkus leer - bei uns wie auch bei dem Bohrhammer. Zwei von fünf Routen waren vollendet.
Jeremy 6b, 30m und Fabian 6b, 30m sind zwei super äußerst abwechslungsreiche Routen in rauem, steilem und kompaktem Fels. Mit einem guten Gefühl und der Kopflampe bewaffnet, verließen wir „unseren“ neuen Sektor und erreichten nach einer knappe Stunde unser Hotel. Bei einer riesigen Portion Couscous und einem Berber Whisky (Pfefferminztee) baten wir den Hotelbesitzer, unsere Akkus aufzuladen. Der Generator war gerade in Betrieb. Leider war die Leistung des Generators exakt auf die Leistung der Beleuchtungsanlage des Hotels abgestimmt, so dass beim Einschalten unseres leistungsstarken Ladegerätes die gesamte Hotelbeleuchtung runterfuhr. Netterweise bot sich der Koch an, die Akkus über Nacht in seiner Wohnung mit festem Stromanschluss aufzuladen und sie morgens zum Frühstück wieder mit zu bringen.
In den nächsten 2 Tagen eröffneten wir 3 weitere Routen und eine Variante. Das Hauptproblem der letzten 2 Tage waren die wunden Fingerkuppen. Der Todrafels ist selbst noch bei den 20 Jahre alten, viel bekletterten Routen, sehr scharf und rau. Unsere neuen Routen, die wir immer und immer wieder klettern mussten, wirkten wie Schmirgelpapieratttacken auf unsere Fingerkuppen.
Insgesamt haben wir 5 Routen und eine Variante erschlossen: Jeremy 6b/30m, Fabian 6b/30m, Patchwork-Family 6b+/30m, Patchwork-Family-Direkt 6c/30m, Reduan´s Birthday 5c+/25m und Mona 6a/25m. Alle Routen führen durch kompakten, senkrechten Fels und sind mit 10mm x 90mm Inox Anker von Hilti und 10mm Inox Bohrlaschen ausgerüstet. Umlenker bestehen aus 2 verbundenen Bohrankern.
Nach anstrengenden Tagen waren wir glücklich, einen neuen Sektor mit Potenzial für „mehr“ erschlossen zu haben. Hoffentlich werden noch viele Kletterer Spaß daran haben.
In den letzten Tagen kletterten wir noch ein paar längere Routen und machten natürlich Werbung für unseren neuen Sektor. Wir konnten Danny und John als „Models“ gewinnen und so einige nette Kletterfotos von unseren Routen schießen.
Ansonsten bleibt für mich aus dieser Aktion die Erkenntnis, dass ich mir in fast 20 Jahren Kletterei nie wirklich Gedanken darüber gemacht habe, wieviel Arbeit es macht bzw. gemacht hat, diese Tausende von Bohrhaken zu montieren, die ich in meinem Kletterleben schon geklinkt habe. Die Bohrhaken waren halt einfach immer schon da,…stand ja auch so im Kletterführer.
Berg frei
Jonas
